Dienstag, 28. Dezember 2010

My life as Pinoccio - Teil 1

"Mein ganzes Leben war ich eine Puppe an Fäden"
Martin Jevermann, Rocktheter Lebenszeit

mein Wecker klingelt. Es ist Mai 2007. Vor ein paar Tagen bin ich 37 geworden. 37. Man ist das alt. Jetzt geht es rasant auf die vierzig zu. Rein statistisch gesehen überschreite ich irgendwann in den nächsten 2 Jahren die magische Mitte. Egal. Mein letzter Monat mit meinen Schülern ist angebrochen. Ich bin Lehrer. Seit 8 Monaten. Computer. Ich habe 4 Klassen. Eine Neunte, zwei Zehnte und eine Elfte - meine Lieblingsklasse. Ich habe nie eine Ausbildung gemacht, wollte in meiner Jugend gern Informatiklehrer werden. Die politischen Umstände haben es nicht zugelassen. Ich trauere nichts nach, auch gibt es niemand dem ich deswegen böse sein müsste - es war halt so.



Ich stehe auf gehe ins Bad und mache mich fertig. Auf dem Weg über den Balkon nach unten werfe ich noch einen Blick auf den Malifad (ein 3000er) und den Ohridsee. Dann verschwinde ich in dem Gemeinschaftshaus, schnappe mir einen Kaffee und treffe mich mit den anderen zur Morgenandacht.

Wo ich bin? in Pogradec, Albanien. Im Gymnasium einer Privatschule. Wir sind mit der ganzen Familie hier. Meine Frau bildet als Therapeutin vormittags zwei anderen Frauen aus und behandelt zusammen mit anderen in einem medizinischem Zentrum Menschen die sich das sonst nicht leisten können. Nachmittags hab ich Unterricht mit meinen Klassen. Es sind noch Abschlussarbeiten vorzubereiten, die Benotung für das Jahreszeugnis zu machen... Ich freu mich schon auf die Klassenfahrt nach Durres und 14 Tage Urlaub am Stand, dann gehts schon wieder nach Hause - nach Deutschland.

Nach 10 Monaten unkonventionellem Leben wieder zurück in die geordneten Verhältnisse, wo alles gesetzlich geregelt, zurück in den fremd gewordenen Alltag. Es ist schwer sich wieder in deutsche Verhältnisse einzugewöhnen. Mein erster Einkauf im Netto endet nach umherirren in den riesigen Gängen fast mit einem Nervenzusammenbruch.

Wir kommen als Fremde. Man schaut von aussen auf die Dinge und entdeckt vieles was einem früher gar nicht auffiel und jetzt seltsam erscheint. Es dauert lange 2 Jahre sich wieder zu integrieren. Wenn ich von Albanien berichte oder daran denke stehen mir fast immer die Tränen in den Augen. ich bin noch nicht wieder richtig hier. Mein Herz ist noch dort - bei "meinen" Schülern, bei meiner Klasse...

Ich nutzte die Zeit in der Abgeschiedenheit zur Meditation und schrieb mir  meine Gedanken über ein halbes Jahr verteilt in einem 8-seitigen Brief nieder, den ich meinen Freunden schickt und auf den ich nur eine richtiges Feedback bekam - leider.

Seitdem sind 3 Jahre vergangen. Die Fäden die damals mit Sicherheit und Kontinuität den Weg vorzeichneten sind zerrissen und viele lassen sich nicht mehr "anknüpfen"An vieles was vorher war konnte ich nicht mehr anknüpfen. Freunde sind weggezogen. In Aufgaben welche ich vorher in der Gemeinde ausgefüllt hatte funktionierte ich nun nicht mehr.

Freier Fall. Unsicherheit. Wo ist der Weg? Gibt es den den Weg noch? Was ist mein Ziel? Was will ich?

Ich weis es NICHT!

Jahrelang haben andere für mich entschieden. Mit Sieben entschied meine Oma das ich zur Christenlehre müsste. Mit 13 entschied mein Vater das ich Jugendweihe zu machen hätte, das wäre wichtig und gut für mich, ich würde das jetzt noch nicht verstehen. Da das mit dem Abitur nichts erden würde besorgte mir mein Vater mit 16 eine Lehrstelle als Schlosser. Dazwischen liessen sich meine Eltern scheiden und ich sollte "ent"scheiden wo ich nun hinsollte ich wär ja alt genug. Etwas zu Teilen was sich nicht teilen lässt. Mit 20 entschied meine feste Freundin sich von mir zu trennen. Nach der Wende ging mein Betrieb ein und ich wusste immer noch nicht was ich wollte. Ich schaute mich beim Arbeitsamt um und ein Bekannter riet mir in die                                     zu gehen. Das wäre ein sicherer Job. Mangels Ziele und anderer (vorstellbarer) Alternativen bewarb ich mich mit unsicherem Gefühl und wurde genommen. Auch in der Glaubensgemeinschaft, die bis vor kurzem einen sehr gossen und wichtigen Teil meines Lebens ausmachte, übernahm ich in den nunmehr 22 zurückliegenden Jahren viele Aufgaben, wenn Not am Mann war bzw. wenn Leute ausfielen, ins Ausland gingen usw.

Ich will damit nicht sagen das das schlecht war, ich hab viel gelernt, viele Abenteuer erlebt, hatte auch Spass dabei - es hat mich zu dem Menschen gemacht der ich jetzt bin. Aber rückblickend kommt es mir so vor, als ob ich oft als Auswechselspieler zum Einsatz kam, bis dann wieder andere kamen und ich wieder zurück auf die Ersatzbank ging. Große Entscheidungen machte ich mir immer schwer und zögerte sie oft hinaus.

Wer etwas mitgerechnet hat weiss das im jetzt endenden Jahr mich ein unausweichliches Ereignis einholte. Mein 40ster. Ich habe ihn schön, im Freien mit ca. 80 Gästen gefeiert. Aber er warf seine Schatten vorraus. Bereits 2009 begann ich mir Gedanken zu machen, wie ich diese würde Ereignis, der Eintritt in die Alters-Weisheit, gebührend zu feiern. Aber es kam ganz anders. Ich nahm mir vor mein Leben "aufzuarbeiten" begann mit einem 1-stündigen Anruf bei meiner damaligen Freundin. (Anmerkung: ich hatte seit 19 Jahren keinen Kontakt, sie war weggezogen und verheiratet. Wie ich an die Telefonnummer kam war schon ein Wunder - diese hab ich dann noch ein Jahr im Portmonee mit mir rum getragen bevor ich überhaupt den Mut aufbrachte anzurufen.) Es war ein gutes und klärendes Gespräch. Danach wollt ich meine familiäre Vergangenheit in Angriff nehmen und lass ein sehr gutes Buch zu dem Thema von Hillinger übers Familienaufstellen. Obwohl ich mit der Methode so meine Probleme habe war es doch zumindest thematisch sehr einleuchtend und gab mir gute Impulse.

Aber es kam etwas dazwischen. Krankschreibung wegen Überlastung (Burnout Symptome) und Depressionen. Ich hatte ja bis dahin keine Ahnung was das ist. Das man den ganzen Tag mit schlechter Laune rum rennt Stattdessen Anriebslosigkeit/Lustlosigkeit, Müdigkeit, Gefühl der Kraftlosigkeit. Man schafft mit allergrößter Anstrengung gerade so dass nötigste. Für mehr reichts nicht

Kommentare:

  1. Hallo H.
    liest sich seeehr interessant und auch wenn ich noch keine 40 bin sondern erst 30 geht es mir soooooo ähnlich. Will nur sagen daß ich das so nachvollziehen kann auch ich fühle mich seit drei Jahren ziemlich fertig und auch Christen und Gemeinde können mir nicht mehr den Halt geben den ich dachte. Also bleibt nur sich in Gottes Arme zu flüchten. Irgendjemad hat mir mal gesagt : Ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Arme, und das stimmt auch wenn ich noch keinen ausweg sehe weiß ich er ist da.
    Danken möchte ich Dir euch auch für die Zeit die wir zusammen hatten die ihr mich in meinen früheren Jahren begleitet und auch geprägt habt. Danke, ich denke immer wieder gern an euch.

    LG Elisabeth

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  2. Auch ich kann dich sehr gut verstehen. Nach einer wirklich glücklichen, ausgefüllten Zeit das Gefühl, "nach Hause" zu kommen - und das Zuhause existiert nicht mehr. Alles ist anders und ich hab keinen Platz mehr da drin. Für mich war nach dem Auslandsjahr auch nichts mehr wie vorher. Und in Dresden neu anzufangen war schon gut, auch wenn sich das noch nicht ganz endgültig anfühlt ...
    Ich will dir auch noch sagen, dass ihr ein wichtiger Teil meines Lebens wart und seid, auch wenn wir uns ja leider nur noch selten sehen. Ich wünsche dir wirklich sehr, dass du deinen Weg wieder findest.

    Herzliche Grüße, Doro

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